00:10
Herzlich willkommen zum SF-Krimi-Podcast. Mein Name ist Wolfram Höll. Bei mir ist die Frau, mit der ich gerne über Lebensversicherung sprechen möchte oder vielleicht auch über Todesfallversicherung, Susanne Jansson.
00:23
Hallo Wolfram. Das ist ja ein fester Bestandteil in amerikanischen Krimis. Da ist die Lebensversicherung quasi schon immer eingepreist. Hast du eine?
00:33
Ich habe eine Todesfallversicherung tatsächlich, ja. Das heißt, wenn ich sterben sollte, wird meine Familie mit Geld bedacht.
00:40
Und was ist der Unterschied zur Lebensversicherung?
00:42
Ich glaube, bei einer Lebensversicherung spart man eigentlich, ist auch mit einem Sparplan verbunden, da spart man das ganze Leben über Geld an. Und das ist dann meiner Meinung nach auch nicht einfach weg. Also wenn ich jetzt zum Beispiel erst mit 90 sterben sollte, ist meine Todesfallversicherung nichtig. Die gilt, glaube ich, nur bis zu einem gewissen Alter. Okay.
01:00
Zähle ich zu deinem engeren Familienkreis nochmal so in Therese? Weiß ich nicht. Man möchte ja wissen, ob sein Name irgendwo niedergeschrieben ist oder nicht.
01:09
Hast du mich adoptiert? Du kriegst ganz große Augen. Ist doch spannend, weil man diese Mischung aus Neugier und auch schon ein bisschen fordern.
01:17
Nein, nein, nein. Man sammelt ja nur Informationen. Man will ja nur informiert sein. Also, was sagt jetzt die Polizei deiner Todesfallversicherung?
01:26
Dieses Geheimnis möchte ich jetzt erstmal noch sowohl für die Hörerschaft da draußen als auch für dich ganz eng an meinem Herzen tragen. Das ist vielleicht ein kleiner Schutz für mein Herzen. Im heutigen Hörspiel. Tödliche Ehen heißt das? Ja.
01:43
spielen Lebensversicherungen auch eine ganz große Rolle. Und ich möchte es gerne am Anfang sagen, weil ich finde es wirklich ein ganz tolles Beispiel, was wir da haben. Beginnt aber etwas ruhig, nicht zu sagen fast dröger, administrativ, mit einem Briefwechsel zwischen einem Professoren und diversen Versicherungsgesellschaften. Deswegen wirklich nur meine Vorwarnung, lasst euch davon nicht abschrecken.
02:09
Genau, diese Beamtensprache band ganz viel Leidenschaft, Liebe und Leben auf Papier in den Schriftverkehr, aber keine Sorge, das ist quasi wirklich nur der Einstieg und nachher geht es voll rein.
02:23
Hörst du noch was zum Auto sagen? Weil für uns war ja auch eine kleine Überraschung.
02:27
Hubert Montaillier ist der Mensch, in Paris geboren, Magistratenfamilie, also sehr bildungsbürgerlich, bei Jesuiten zur Schule gegangen. Religion ist immer wieder mein Thema in dem heutigen Hörspiel. Und er hat 1960 mit dem Roman, der Vorlage zum heutigen Hörspiel, gerade in dem Erstlingswerk einen Durchbruch, einen großen Preis bekommen in Frankreich für Kriminalliteratur und sich da mit einer ganz eigenständigen Stimme seinen Platz geschaffen hat.
02:56
Das Hörspiel von 1977, du hast gerade gesagt, der deutsche Titel Tödliche Ehen, aber sag doch, weil es so schön ist, auch noch den französischen Originaltitel vom Roman.
03:03
Les Mentes religieuses und was das bedeutet, das mache ich doch mal in Einführung zum zweiten Teil nächste Woche.
03:08
Ah, gut.
03:10
Also dann viel Vergnügen beim ersten Teil der Tödlichen Ehen. Viel Spaß.
03:16
Zunächst eine kurze Vorbemerkung des Verfassers.
03:20
Die Lektüre der besten Autoren, die ich von Jugend an gepflegt habe, hat meine Selbstkritik geschärft.
03:27
Ich traue mir nicht genügend Talent und Fantasie zu, um dem Publikum eine eigenhändig geschriebene Arbeit vorzulegen. Deshalb habe ich mich damit begnügt, eine Auswahl von Dokumenten zusammenzustellen, die ein neues Licht auf einen Mordfall werfen, der vor kurzem die Öffentlichkeit beschäftigte.
03:47
Ich habe mich bei meiner Arbeit darauf beschränkt, die Unterlagen zu sichten, sie chronologisch zu ordnen und die darin vorkommenden Namen und Daten ein wenig abzuändern. Die stilistischen Eigenheiten der Verfasser der einzelnen Dokumente blieben gewahrt.
04:04
So ist also durch die Aneinanderreihung dieser Schriftstücke eine Art Kriminalroman entstanden. Meiner Ansicht nach kommt diese Literaturgattung einem echten Bedürfnis des heutigen Publikums entgegen.
04:20
Um einen Grundzug allerdings, den man in dieser Literaturgattung nur allzu oft vermisst, habe ich mich ausdrücklich bemüht, um klassische Stränge. Ich habe daher einen Fall gewählt, bei dem die erschreckende Wirkung mehr aus der Psychologie der Handelnden erwächst, als aus irgendwelchen banalen äußeren Umständen.
04:41
Allen denen, die mich liebenswürdigerweise ermächtigt haben, die nachstehenden Dokumente zu veröffentlichen, sage ich hiermit meinen verbindlichsten Dank.
04:58
Musik
05:30
Montpellier, 13. Dezember 1923. Polcanova, Professor am Gymnasium zu Montpellier, an den Direktor der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice Lausanne.
05:43
Sehr geehrter Herr Direktor, nach reiflichen Überlegungen habe ich mich entschlossen, Ihrer Gesellschaft die Summe von 250.000 Schweizer Franken anzuvertrauen, die ich vor kurzem von einem Großonkel väterlicherseits geerbt habe und die seit drei Monaten auf der Kantonalbank in Lausanne deponiert ist.
06:05
Ich würde es begrüßen, wenn es sich einrichten ließe, dass ich zum Zeitpunkt meiner Pensionierung über etwa zwei Millionen Schweizer Franken verfügen könnte. Sollte ich vor diesem Termin sterben, so möchte ich, dass meiner Frau diese gleiche Summe gutgeschrieben wird. Aufgrund meiner Erkundigungen nehme ich an, dass sich meine Wünsche durch den Abschluss folgender Versicherungen realisieren ließen.
06:29
Erstens, eine auf 40 Jahre bemessenen Lebensversicherung bei vorheriger Einzahlung des gesamten Prämienkapitals und zweitens eine Versicherung für den Todesfall. Mein Entschluss wird Sie vielleicht überraschen, aber ich bitte Sie zu bedenken, dass ich mich bereits jetzt als einigermaßen wohlhabend betrachten darf und dass finanzielle Spekulationen mir fernliegen.
06:52
Als ein Mann, der sich vornehmlich mit historischen Studien beschäftigt, halte ich es für das Klügste, die Zeit für mich arbeiten zu lassen. Auf diese Weise kann ich, wenn ich einmal über mehr Erfahrung und Muße verfüge, in den Besitz eines beträchtlichen Kapitals gelangen, das ich zum größten Teil für kulturelle Zwecke zu verwenden gedenke, die einen würdigen Abschluss meiner Karriere darstellen sollen.
07:17
In Erwartung Ihrer grundsätzlichen Zustimmung verbleibe ich mit den besten Empfehlungen. Paul Canova, Montpellier, den 13. Dezember 1923.
07:28
Lausanne, 19. Dezember 1923. Der Leiter der Lebensversicherungsabteilung der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice, an Herrn Paul Canova, Professor am Gymnasium zu Montpellier.
07:42
Sehr geehrter Herr Professor, hierdurch bestätigen wir Ihnen mit verbindlichstem Dank den Erhalt Ihres Schreibens vom 13. dieses Monats, dessen Inhalt wir mit Interesse zur Kenntnis genommen haben. Der Umfang des von Ihnen gewünschten Vertrags ist in der Tat ziemlich ungewöhnlich. Beim Abschluss einer Versicherung für den Todesfall pflegen wir, im eigenen Interesse des Kunden, eine gewisse Höhe des Versicherungsbetrags nicht zu überschreiten.
08:12
Angesichts der außergewöhnlichen Umstände sind wir jedoch in diesem Fall bereit, auf Ihre Wünsche einzugehen. Wir möchten Sie allerdings bitten, keinen Anwalt als Vermittler einzuschalten, da wir einen unserer Inspektoren beauftragen wollen, sich zum Zweck der üblichen Erkundigungen und der Einholung ärztlicher Gutachten direkt mit Ihnen in Verbindung zu setzen.
08:36
Indem wir Ihnen für das uns entgegengebrachte Vertrauen unseren Dank aussprechen, zeichnen wir mit dem Ausdruck unserer vorzüglichsten Hochachtung.
08:45
Montpellier, 11. Februar 1924 Pierre Rousseau, Versicherungsinspektor an den Leiter der Lebensversicherungsabteilung der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice Lausanne Betrifftvertrag Ganova Sehr geehrter Herr Direktor,
09:03
Die Zusammenstellung meines nachfolgenden Berichts hat sich etwas verzögert, aber ich erlaube mir den Hinweis, dass Sie selbst eine besonders eingehende Untersuchung des Falls gewünscht hatten.
09:14
Zwecks leichterer Übersicht habe ich mir gestattet, die Ergebnisse meiner Arbeit in verschiedene Rubriken zu ordnen. Der Versicherte Lebenslauf Geboren am 14. Januar 1897 in Paris Vater Professor der Literatur an der Sorbonne, Mutter ohne Beruf. Besuchte das Gymnasium Louis-le-Grand, ausgezeichneter Schüler, zweiter Preis in Geschichte bei einem allgemeinen Wettbewerb im Jahre 1913.
09:47
Besteht im selben Jahr die Abschlussprüfung, Universitätsstudium. Vater fällt an der Front im Jahre 1916.
09:56
Mutter stirbt an der spanischen Krippe. 1920 Studienreferendar. Erwirbt 1921 das Lehrerdiplom. 22 zum außerordentlichen Professor für Geschichte und Geografie ernannt, im selben Jahr Anstellung am Gymnasium zu Montpellier.
10:14
Heiratet da selbst am 13. März 1923 Antoinette Merignac, ohne Beruf Tochter eines Professors am selben Gymnasium. Beerbt kurz darauf seinen Großonkel Samuel Ganova, Schweizer Staatsbürger, Vizepräsident eines Chemiewerkes.
10:34
Arbeitet an einer wissenschaftlichen Untersuchung mit dem Titel »Die hellenisch-etruskischen Einflüsse auf das frühe Rom«.
10:45
Wie aus den beigeschlossenen ärztlichen Attesten ersichtlich, gibt der Gesundheitszustand zu keinerlei Besorgnisanlass, hat bisher noch keine schwere Erkrankung durchgemacht. Es wurde eine leichte Erophagie und ein Herzeretismus festgestellt, die nach Aussage des Arztes zu einer bei Intellektuellen häufig beobachteten gewissen Nervosität geführt haben. Keinerlei erbliche Belastung.
11:08
Drei Geschwister der Eltern und ein Großonkel sind noch am Leben. Kein Übergewicht. Vermögenslage. Für den Augenblick ist keine beträchtliche Steigerung seiner Einkünfte zu erwarten, doch ermöglichen die Bezüge aus seiner Arbeit sowie einige kleinere Erbschaften aus früheren Jahren Herrn Ganova eine behagliche und standesgemäße Lebensführung. Besitzt eine Eigentumswohnung in Paris, ein Landhaus in Fontainebleau, ein Bankguthaben und eine Anzahl sicherer Wertpapiere.
11:38
hat neben seinem allerdings nicht sehr hohen Gehalt weitere Einkünfte durch die regelmäßige Mitarbeit an Schulausgaben und wissenschaftlichen Zeitschriften, lebt in Gütertrennung, seine Frau besitzt 20.000 Frauen mit Gift, hat ein Testament zugunsten seiner Frau gemacht. Berufsleben Wird von seinen Schülern geschätzt, von seinen Kollegen geachtet, ist von fast schüchterner Zurückhaltung, besitzt aber natürlichen Takt und Lebensart. Keine engeren Freundschaftsbeziehungen.
12:10
Verschiedenes. Kein spezielles Laster. Nichtraucher, Weinkenner. Geordnete Lebensweise. Kein Interesse für Reisen und Sport, insbesondere nicht für gewalttätige Sportarten. Hat ein Misstrauen gegen Automobile.
12:26
Reitet nicht, jagt nicht, schwimmt nicht. Abneigung gegen Glücksspiele. Weder schön noch hässlich. Hat eine Vernunft Ehe geschlossen. Macht nicht den Eindruck, als ob er Gegenstand einer gefährlichen Leidenschaft werden könne. Erganova ist, soweit ich es beurteilen kann, ein feinfühliger, aber bedächtiger Mensch, der sich nötigenfalls immer zu beherrschen weiß.« Er verschmäht es, sich mit praktischen Fragen abzugeben und hat mehr Interesse für seine Arbeit als für Geld oder Gefühle.
12:58
Die Begünstigte. Geboren Ninkau, gleichzeitig mit unserem Jahrhundert. Unbedeutend, eine Schwester gut verheiratet, ein jüngerer Bruder im Lehrberuf, makellose Vergangenheit, ziemlich hübsch, ein etwas unregelmäßiges, aber frisches Gesicht, geht wenig aus, hausfrauliche Tugenden.
13:17
Gehört der reformierten Kirche an, besucht regelmäßig den Gottesdienst, Mitglied des Kirchenchors, bewundert ihren Mann, dürfte an finanziellen Fragen interessierter sein als er, soll gegen die beabsichtigten Verträge Einwände erhoben haben, hat aber zweifellos wenig Einfluss auf ihren Mann. Meiner Ansicht nach liegt der Fall bemerkenswert günstig. Und ich möchte nicht zögern, den Abschluss der Verträge zu befürworten. Irgendeine Gefahrenquelle ist nicht ersichtlich.
13:49
Herr Ganova ist der Typ eines Menschen, dem nie etwas zustößt, der keinen Selbstmord begeht und sich auch nicht ermorden lässt. Was Frau Ganova betrifft, so kann ich sie mir schwerlich als Mörderin vorstellen und noch weniger als eine Mörderin, die sich nicht überführen lässt, was in unserem Fall das Wesentliche sein dürfte.
14:10
Ohne mir schmeicheln zu wollen, bin ich doch überzeugt, den mir erteilten Auftrag bestens ausgeführt zu haben. Ich werde mich bis zum Eintreffen Ihrer Entscheidung hier in Montpellier aufhalten und verbleibe für heute mit verbindlichen Grüßen. Pierre Rousseau, Montpellier, den 11. Februar 1924. Lausanne, 21. Februar 1924.
14:35
Der Leiter der Lebensversicherungsabteilung der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice an den Versicherungsinspektor Pierre Rousseau Montpellier.
14:45
Betrifft Vertrag Canova. Sehr geehrter Herr Rousseau, hierdurch bestätige ich den Eingang Ihres Berichts vom 11. dieses Monats.
14:56
Er enthält verschiedene überflüssige Einzelheiten, aber auch einige bedauerliche Lücken, vor allem hinsichtlich der Begünstigten und ihrer Familie. Ihre Antithese, geboren in Kaur, gleichzeitig mit unserem Jahrhundert, unbedeutend, habe ich mit Vergnügen zur Kenntnis genommen, hätte es jedoch vorgezogen, etwas eingehender über diese junge Frau, ihre Eigenschaften und ihre Umgebung unterrichtet zu werden.
15:26
Es dürfte Ihnen bekannt sein, dass bei Versicherungen für den Todesfall die Hauptgefahrenquelle, wenn wir den Gesundheitszustand des Versicherten einmal beiseite lassen, bei der Begünstigten und den ihr nahestehenden Personen zu suchen ist. Auch der harmloseste Mensch kann im Winter ein Fenster offen lassen, wenn der Klient mit Lungenentzündung im Bett liegt. Die Folgen einer solchen Fahrlässigkeit aber sind für den Versicherten keineswegs harmlos.
15:55
Vor allem wäre mir an einem Bericht über den Gesundheitszustand von Frau Canova gelegen gewesen. Denn falls diese Dame vorzeitig sterben sollte, ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass unser Klient sich wieder verheiratet. Und zwar mit einer Frau, die wir nicht ausgesucht haben und die nicht regelmäßig den Gottesdienst besucht, wie Sie meinen. Alles in allem scheint der Fall jedoch annehmbar. Sie können die Verträge aufsetzen.
16:25
Außerdem rate ich Ihnen, auf Holz zu klopfen und sicherheitshalber auch noch auf die gegenwärtigen oder künftigen Hörner, die unser kostbarer Klient tragen mag. Mit besten Grüßen.
16:39
Musik Je prie pour que le destin m'en sort. Je prie pour que le diable m'emporte. Montpellier, 25. Februar 1924. Monsieur Pierre Rousseau an Madame Rousseau, Lausanne.
17:21
Mein Schatz, Gottlob, morgen Abend bin ich wieder bei dir. Der Alte hat wie gewöhnlich noch ein bisschen geknurrt, aber zum Schluss hat er mir doch freie Hand gelassen. Er ist übertrieben misstrauisch und wittert überall Fallstricke. Endlich ist dieser Papierkrieg abgeschlossen. Auf bald, küsse, dein Pierre. Montpellier, den 25. Februar 1924
17:52
Quand je suis loin de lui, quand je suis loin de lui, je n'ai plus vraiment toute ma tête. Et je n'y suis plus d'ici, je ne suis plus d'ici. Je ressens la pluie d'une autre planète, d'une autre planète.
18:27
Paris, 15. Oktober 1947, 23 Jahre danach. Polcanova, Professor an der Sorbonne, an den Direktor der Versicherungsgesellschaft La Familiale Paris.
18:43
Sehr geehrter Herr Direktor!
18:46
Ich habe die Absicht, eine auf die Dauer von zwölf Jahren bemessene Versicherung für den Todesfall in Höhe von 20 Millionen Franc zugunsten meines 1939 geborenen unmündigen Sohnes aus erster Ehe abzuschließen. Sollte mein Sohn vor Ablauf dieses Vertrages sterben, ist als Zweitbegünstigte meine zweite Frau einzusetzen, die ich im Juli dieses Jahres geheiratet habe. Sie wird auch im Falle meines Todes die Vormundschaft für das Kind übernehmen.
19:15
Ich darf hinzufügen, dass meine Frau bereits als Begünstigte in einem anderen Versicherungsvertrag eingesetzt ist, den ich im Jahre 1924 über eine beträchtlich höhere Summe mit der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice in Lausanne zugunsten meiner im Jahre 1946 verstorbenen ersten Frau abgeschlossen habe.
19:37
Da unsere gegenwärtige Währungssituation eine hiesige Investierung von im Ausland deponierten Kapitalien weniger ratsam erscheinen lässt denn je, möchte ich durch den Abschluss des Vertrages mit Ihnen dafür Sorge tragen, dass mein Sohn für den Fall, dass mir etwas zustößt, mit einer sofort verfügbaren Summe in französischer Währung rechnen kann.
19:58
Es ist mein Wunsch, ihn auf diese Weise vor eventuellen finanziellen Schwierigkeiten zu schützen, damit er in Ruhe seine Ausbildung beenden kann, die bisher aus Gesundheitsgründen eine gewisse Verzögerung erfahren musste. In Erwartung Ihrer Zusage bin ich mit den besten Empfehlungen Bolganova, Paris, den 15. Oktober 1947. Paris, 12. April 1948
20:25
Vera Canova an Pol Canova, Florenz.
20:29
Liebster, du enttäuschst mich. Ich war auf einen hübschen Reisebericht, auf eine Beschreibung der Landschaft um Florenz gespannt und du schreibst mir von Geld Sachen. Aber um dich sofort zu beruhigen, selbstverständlich verzichte ich zugunsten Xaviers auf einen Teil der berühmten Erbschaft von Onkel Samuel und ich überlasse es dir, die Höhe dieses Anteils festzusetzen.
20:54
Nun, zu wichtigeren Dingen. Xavier hat schon wieder eine Voronkulose, die jedoch glücklicherweise nicht ernster zu sein scheint als die früheren Erkrankungen. Der Kleine ist doch sehr anfällig. Aber ich pflege ihn so gut ich kann, damit er gesund ist, wenn du ihn wieder siehst.
21:13
Was soll ich dir sonst noch erzählen, das dich interessieren könnte? Es wären nur Belanglosigkeiten, für die mir die Zeit zu schade ist. Deine Vera, die dich liebt. Paris, 12. April 1948. Florenz, 17. April 1948.
21:28
Polcanova an Vera Canova, Paris. Mein Liebling.
21:39
Ich bin sehr froh, dass du dich so bereitwillig einverstanden erklärt hast, zugunsten unseres kleinen Xavier auf die Hälfte der Versicherungssumme zu verzichten. In dem mit La Salvatrice abgeschlossenen Vertrag wurde seinerzeit als begünstigte ohne Namensnennung meine Frau eingesetzt. Mithin bezieht sich dieser Passus seit unserer Heirat automatisch auf dich.
22:05
Allerdings hat bei dieser Heirat, wie ich glauben möchte, die Liebe eine zu große Rolle gespielt, als dass wir zu diesem Zeitpunkt solche prosaischen Nebensächlichkeiten bedacht hätten. Aber auch eine beispielhafte Stiefmutter, wie du es bist, bleibt für das Kind naturgemäß bis zu einem gewissen Grade eine Fremde und du hast darum sehr bald erkannt, dass deine Lage dir ein gewisses Opfer auferlegt.
22:32
Ich habe lange geschwankt, ob ich dieses Thema dir gegenüber überhaupt berühren sollte, da ich fürchtete, dich zu verletzen. Nun, da du mich mit dieser fast nachlässigen Selbstverständlichkeit beruhigst, fühle ich mich beinahe beschämt, weil ich dir diese Frage nur brieflich vorzulegen wagte.
22:54
Aber ich hoffe, du verstehst, dass ich ein Gespräch vermeiden wollte. Ich befürchtete, es könnten dabei Worte fallen, die geeignet wären, unsere Beziehungen zu trüben. Die Vorsicht war wirklich unnötig.
23:09
Mein Sohn wird also in Kürze vollkommen gesichert sein, wie der Fachausdruck wohl lautet, und zwar in der Schweiz ebenso gesichert, wie er es bereits in Frankreich dank der neuen Versicherung ist, zu deren Abschluss du mich trotz der sehr hohen Prämien überredet hast.
23:29
Stell dir vor, ich habe einen Augenblick geglaubt, du drängtest mich, diesen Schritt zu tun, damit ich nicht auf den Gedanken komme, die andere Versicherung zu erwähnen. Ich bitte dich um Verzeihung. Es war töricht von mir. Meine Vorlesungen über Titus Livius sind sehr gut besucht. Der Frühling ist wie ein Lied der Lebensfreude und die Ufer des Arno sind so bezaubernd wie eh und je.
23:56
Trotzdem sehne ich mich danach, euch wiederzusehen und meine kleine Xavier gesund in die Arme zu schließen. Dein Mann, der dich innig liebt.
24:07
P.S. Ich habe vorhin wundervolle Stofftapeten gesehen, die ausgezeichnet in mein Arbeitszimmer passen würden. Du hast mir doch immer zugeredet, es neu tapezieren zu lassen, da dir die jetzigen Farben nicht gefallen. Aber ich habe doch etwas Angst gehabt, dass ich mir etwas aufschwatzen lasse und du mich deshalb schelten wirst. Diese Italiener haben eine so überzeugende Art. Von meiner Reise berichte ich dir mündlich.
24:34
Paris, 24. April 1948, 19 Uhr. Vera Canova an Polcanova, Florenz.
24:44
Mein Liebster, ich gebe diese Zeilen deinem Kollegen Maroi mit, der in einer Stunde nach Florenz fährt, um an der Schlusssitzung der lateinischen Arbeitstagung teilzunehmen. Auf diese Weise wird dich mein Brief fast ebenso schnell erreichen wie ein Telegramm. Ich hätte dich gern angerufen, aber ich weiß ja nicht einmal, in welchem Hotel du abgestiegen bist. Leider habe ich sehr schlechte Nachrichten für dich. In der letzten Nacht...
25:12
bekam Xavier plötzlich heftige Leibschmerzen, und bei der Durchleuchtung entdeckte man verdächtige Körper in Magen und Darm. Es erwies sich als notwendig, ihn trotz der schweren Vorenkulose und seines angegriffenen Herzens sofort zu operieren.
25:31
Bei dem Eingriff wurden einige Glassplitter entfernt. Xavier wollte nicht eingestehen, bei welcher Gelegenheit er sie verschluckt hatte. Ich nehme an, die Splitter stammen von Onkel Samuels Vase, die kürzlich kaputt ging und wahrscheinlich hat Xavier, als er mit seiner elektrischen Eisenbahn spielte, sein Vesperbrot auf dem Teppich herumliegen lassen. Dabei hatte ich angeordnet, dass der Teppich besonders sorgfältig abgesaugt werden sollte.
26:01
Es ist noch zu früh, etwas sagen zu können. Aber Xaviers Zustand ist sehr ernst. Die Ärzte befürchten Herzkomplikationen oder eine Infektion. Da du an Gott glaubst, kann ich dir nur raten, ihn mit aller Inbrunst um Hilfe zu bitten. Sieh zu, dass du so schnell wie möglich herkommen kannst.
26:24
Ich bin vollkommen verzweifelt und weiß nicht, was ich dir Tröstliches sagen könnte. Immer wieder frage ich mich, ob es mir nicht möglich gewesen wäre, dieses Unglück zu verhindern. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht gut genug auf Xavier aufgepasst habe. Aber die Zeit drängt und Marie wartet. Ich küsse dich mit aller Zärtlichkeit, mein armer Liebster. Paris, 24. April 1948
26:57
La pluie coulait sur la fenêtre Le ciel n'était pas clair Mais le jardin était vert, vert, vert Et devant moi, celui que j'aime Mais tout est trop clair
27:26
Paris, 29. April 1948 Professor Polcanova an Dr. Henri Césaire, Chirurg an der Universitätsklinik Paris Sehr geehrter Herr Doktor, Während des Unglücksfalles, an dessen Folgen mein einziger Sohn gestorben ist, war ich leider von Paris abwesend.
27:51
Meiner Frau und mir ist es nun trotz aller Bemühungen nicht möglich, die einzelnen Fakten genau zu rekonstruieren, und diese Ungewissheit trägt noch zur Vertiefung unseres Schmerzes bei. Ich erlaube mir daher die Frage, ob Sie und Ihre Herren Kollegen irgendetwas Ungewöhnliches oder Anormales bei diesem traurigen Fall festgestellt haben. Ich hoffe, dass meine Befürchtungen unbegründet sind und dass es sich dabei nur um einen durch meine Erregung hervorgerufenen Trugschluss handelt.
28:20
Es fällt uns schwer, den Tod eines Menschen, der uns teuer war, als etwas Natürliches anzusehen. Ich möchte Sie jedoch in jedem Fall um Ihre Diskretion bitten und bin mit bestem Dank für Ihre Bemühungen und meinen verbindlichsten Grüßen, Ihr Canova.
28:36
Paris, 2. Mai 1948 Dr. Henri Césaire an Professor Paul Canova, Paris Sehr geehrter Herr Professor,
28:48
Ich bestätige Ihnen den Erhalt Ihres Briefes vom 29. April, dessen Inhalt mich allerdings überraschte. Wenn meine Kollegen und ich bei dem Fall Ihres Sohnes auch nur die geringste verdächtige Anomalie festgestellt hätten, so hätten wir selbstverständlich die amtlichen Stellen davon in Kenntnis gesetzt. Ihr Sohn war offensichtlich das Opfer eines ebenso alltäglichen wie unglückseligen Zufalls, Und es erscheint uns mehr als unwahrscheinlich, dass ein solcher Zufall bewusst herbeigeführt werden konnte, ohne dass das Kind etwas davon bemerkt hätte.
29:30
Sollte dies jedoch tatsächlich der Fall gewesen sein, so dürfte es sehr schwierig sein, jetzt nachträglich, den Beweis dafür zu erbringen.
29:43
Paris, 19. Mai 1948 Paul Canova, Professor Anders Sorbonne, an den Polizeikommissar des 6. Arrondissements.
29:55
Sehr geehrter Herr Kommissar, Hierdurch möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass seit einigen Tagen der Verlobungsring meiner Frau verschwunden ist. Das Stück repräsentiert einen gewissen Geldwert, vor allem aber einen Gefühlswert. Da es uns ausgeschlossen erscheint, dass meine Frau den Ring verloren hat, riet man mir, mich in dieser Angelegenheit an Sie zu wenden.
30:20
Ich möchte Sie hierdurch bitten, bei der Untersuchung des Falls so diskret wie möglich zu verfahren. Selbst wenn ein gewisser Verdacht, den wir haben, sich bestätigen sollte, würde ich nur sehr ungern eine Rechtsklage erheben, da die verdächtige Person uns bisher treue Dienste geleistet hat. Mit bestem Dank für Ihre Bemühungen im Voraus zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung Canova.
30:46
Schriftliche Erklärung, welche die Polizei des 5. Arrondissements Paris am 3. Juni 1948 nach dem Tode von Mademoiselle Gertrude Surisseau, 49 Jahre, auf dem Nachttisch der Verstorbenen vorfand.
31:03
Ich erkläre hierdurch feierlich vor Gott und den Menschen, dass ich die gemeine Tat, deren ich beschuldigt werde, nicht begangen habe.
31:13
Ich habe diesen Diamantring niemals in den Händen gehabt, ich habe ihn nicht einmal bemerkt und ich kannte seinen Wert nicht. Es ist mir unbegreiflich, wie es möglich war, dass er in dem Futter meiner Handtasche gefunden wurde. Ich klage niemanden an.
31:35
Ich habe keinen Feind. Ich habe nie die Eifersucht eines Menschen erregt. Ich habe mich mit jedermann gut vertragen. Und ich wüsste nicht, wer ein Interesse an einem derart gemeinen Anschlag gegen mich haben könnte. Aber mich selbst kann ich noch weniger anklagen. Ich sterbe, ohne zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.
32:03
Und das ist wohl der traurigste Tod selbst für einen Menschen, der nicht sehr intelligent ist. Denn ich kann ein solches Dasein nicht länger ertragen. Es ist mir nicht möglich, mit dem Gedanken weiterzuleben, dass Monsieur Canova, dessen Sekretärin ich seit vielen Jahren bin, mich für eine Diebin hält. Ich hatte erwartet, dass er für mich eintreten würde. Aber er hat mir nur Mitleid bezeugt.
32:34
Alle haben mich verlassen. Nun, da ich den Mut aufgebracht habe, meine Katze töten zu lassen, hält mich nichts mehr in diesem Leben zurück. Welche Meinung Madame Carnaval von mir hat, ist mir gleichgültig. PS. Ich setze das Glas mit meinem Goldfisch auf die Strohmatte vor der Tür, damit er nicht vergiftet wird.
33:04
Und ich hoffe, dass die Hausmeisterin, die immer sehr freundlich zu mir war und deren Tierliebe ich kenne, sich seiner annehmen wird. Auf meinem Postcheckkonto dürfte genug Geld sein, um die Gasrechnung zu bezahlen. Ich bin keine Diebin. Und ich gehöre auch nicht zu der Sorte Menschen, die Selbstmord begehen und andere für die Kosten aufkommen lassen. Paris.
33:32
3. Juni 1948. La vie ce n'est pas ça.
34:00
Il faut qu'elle soit autrement, prenez-vous, et tout commencera. Il nous faut maintenant, et voyez-vous, plus jamais il n'y aura. Il n'y aura même plus d'Amérique et plus de pays chivéri. Tous les talents, comme les oiseaux, auront volé sur l'Atlantique.
34:30
Tagebuch der Mademoiselle Beatrice Manceau am 20. Juli 1950 durch Maître Chardois, Notar zu Paris, der Polizei vorgelegt.
34:41
24. Mai 1948 Manni, der Assistent im historischen Seminar, hat mir zufällig erzählt, dass Canova eine Sekretärin sucht. Da ich mich für die Stellung interessiere, hat er mir liebenswürdigerweise angeboten, mich zu empfehlen. Ein Glück, dass ich Maschine schreiben und stenografieren kann. 25. Mai Morgen Vormittag um 11.30 Uhr soll ich mich bei Canova vorstellen.
35:11
Ich bin neugierig darauf, ihn näher kennenzulernen. 26. Mai Es hat geklappt. Canova ist sehr sympathisch, um die 50, recht gut aussehend, schlank und distinguiert, mit einer Brille, die ihm gut steht, und weißen Haaren, die ihn eher verjüngen, vielleicht weil sie seine Züge weniger streng erscheinen lassen.
35:35
Er benutzt Redewendungen, wie man sie früher gebrauchte, und ein wenig geschraubte Formen, die jedoch aus seinem Mund selbstverständlich und elegant klingen. Ich war bisher stets bemüht, hässliche Sekretärinnen zu engagieren, aus Angst ihrer Reize könnten mich bei der Arbeit irritieren. Aber sie sind mir von einem Freund empfohlen worden, und außerdem, vielleicht ist es an der Zeit, dass ich ein bisschen weniger arbeite.
36:03
Reizend.
36:05
Beim Hinausgehen habe ich Madame Canova gesehen, die mir ein paar freundliche Worte gesagt hat. Eine blendende Schönheit. Dazu ein hinreißendes Kleid, das ihre Schönheit noch unterstrich. In den Dreißigern. Dunkelbraune Haare, dunkler Teint, große, nachtblaue Augen, die aber, selbst wenn sie lächelt, kalt und kritisch bleiben. Der Mann hat Geschmack.
36:30
4. Juni.
36:32
Interessante Arbeit. Ein großes, etwas altmodisch eingerichtetes, aber behagliches und ruhiges Zimmer. Aus dem Fenster sehe ich auf die Parkanlagen der Avenue de l'Observatoire. Canova kam mir zerstreut vor, verlor beim Diktieren seiner Post einige Male den Faden.
36:51
Er entschuldigte sich und gestand mir, dass seine frühere Sekretärin gestern Selbstmord begangen hat. Es geht aber nicht etwa um eine Liebesgeschichte, in der er eine Rolle gespielt hätte, Irgendeine schmutzige Affäre, die kein Mensch versteht. Ich habe versucht, ihn mit ein paar belanglosen Redensarten zu trösten, aber er hat kaum zugehört und war in Gedanken bei dieser Toten. 6. Juni Canova ist zurzeit wirklich in keiner guten Verfassung.
37:23
Er war bei der Beerdigung dieser Sekretärin, zu der außer ihm fast niemand erschienen war und das hat seine Stimmung nicht gerade gehoben. Er brütet vor sich hin und überlegt dauernd, ob er sich Vorwürfe machen muss. Bernard könnte sich von seinem Verantwortungsbewusstsein eine Scheibe abschneiden. 7. Juni Canova hat mir eine gute halbe Stunde von seinem verstorbenen Jungen erzählt. Dabei schnitt er manchmal ein Gesicht, das ich den Eindruck hatte, er werde gleich anfangen zu weinen.
37:56
Ein hochintelligentes, feinfühliges, künstlerisch begabtes, sehr vielversprechendes Kind. Und so weiter und so weiter. 10. Juni. Am Nachmittag hat Canova mir von seinem Jungen, von seiner ersten Frau und wieder von seinem Jungen erzählt.
38:16
Ich neigte mich etwas gerührt zu ihm hinüber und legte meine Hand auf seinen Arm, worauf er mich mit der leidenschaftlichen Heftigkeit des Schüchternen umarmte und küsste. Ein ereignisreicher Tag. 11. Juni. Canova wagt sich immer weiter vor. Ich weiß wirklich nicht recht, was ich tun soll. Ein derartiges Abenteuer wäre sinnlos. 13. Juni.
38:43
Madame Canova ist für ein paar Tage in das Landhaus nach Fontainebleau gefahren und ihr Mann hat diese Gelegenheit sofort genutzt. Es ist das erste Mal, dass ich einen Freund habe, der so alt und zart fühlend ist.
38:57
Er hat eine etwas altmodische Schamhaftigkeit, die auf mich einen ganz eigenartigen Eindruck macht. 18. Juni Canova legt sich mir gegenüber immer weniger Zwang auf, ist aber verhältnismäßig vorsichtig mit dem, was er sagt. Offensichtlich sehnt er sich nach einer Vertrauten. Als ich etwas leicht hinmeinte, sie haben ihre Frauen bestimmt nicht sehr oft betrogen, schwieg er zunächst und antwortete dann, Mademoiselle Manceau, ich habe in einem Alter, in dem man aus Liebe zu heiraten pflegt, eine Vernunft-Ehe geschlossen.
39:34
Und ich habe aus Liebe geheiratet, als ich so alt war, dass man eigentlich eine Vernunft-Ehe von mir hätte erwarten können. Ich möchte Sie bitten, meine Frauen, wie Sie es ausdrücken, nicht unter dem gleichen Aspekt zu betrachten. Wenn ich sie einmal betrogen habe, so geschah das aus sehr gegensätzlichen Gründen. Und dann...
39:56
Man kann einem solchen Mann nichts abschlagen.
40:00
Musik
40:29
20. Juni Madame Canova ist wieder da. Sie hat mir eine Schachtel Pralinen mitgebracht. 22. Juni Mani hat mir einen außerordentlich klaren Vortrag über die Hittiter gehalten und mich anschließend zum Essen eingeladen. 23. Juni Heute Morgen hat Madame Canova mir einen meiner Ohrringe in die Hand gedrückt, den sie, wie sie sagte, auf der Couch im Arbeitszimmer gefunden hat. Mit einer verschwörer Miene flüsterte sie mir zu, seien Sie ein bisschen vorsichtig, meine Liebe, das Dienstmädchen hätte ihn finden können.
41:07
Es fiel mir nicht ganz leicht, mich ebenso natürlich zu benehmen wie sie. Mit Manji gegessen und getanzt. Er sieht wirklich gut aus.
41:17
24. Juni. Wieder mit Manji gegessen und hinterher getanzt. 25. Juni. Manji hat mir eine regelrechte Liebeserklärung gemacht, aber sie klang so falsch, als hätte er es eilig, sie loszuwerden. Oder klang sie eben darum so falsch, weil sie ehrlich gemeint war?
41:39
Canova hat mir ganz im Vertrauen und in wehmütigem Ton ein eigenartiges, elegisches Sonnett vorgelesen, das er seiner ersten Frau zum dritten Hochzeitstag gewidmet hatte. 28. Juni Mit Manni gegessen und getanzt. Er machte ein würdevolles Gesicht, wie ein Liebhaber in einer klassischen Tragödie.
42:02
29. Juni Mani hatte meine Hand angehalten, ausgerechnet zwischen zwei Tänzen, als ich schon ein bisschen beschwipst war. Ich hielt es zuerst für einen Scherz und ging gar nicht darauf ein, aber gegen Ende des Abends schob er einen Ring auf meinen Finger, der gut und gern seine 200.000 Fr. wert ist und den ich seitdem immer wieder ansehe, als hätte ich Angst, er könne davonfliegen.
42:26
Ich habe ihn um Bedenkzeit gebeten, aber aus der Art, wie ich den Ring betrachtet habe, muss er wohl schließen, dass bereits alles bedacht ist. 30. Juni Christian hat als Datum der Hochzeit den 19. Juli bestimmt. Es wird da so ernst.
42:45
Ich lasse mich führen wie ein Opferlamm, obgleich ich eigentlich die Augen offen halten sollte. 5. Juli Canova hat die Nachricht mit philosophischer Gelassenheit aufgenommen. 7. Juli Christian besteht darauf, dass ich bei Canova bleibe und führt finanzielle Gründe dafür an. Ich fühle mich nicht imstande, diesen Wünschen überzeugende Argumente entgegenzusetzen. Die Ehrlichkeit ist eine lobenswerte Sache, aber man sollte sie auch nicht übertreiben. Im Übrigen beweist Canova, nach einigen missglückten Versuchen, eine geradezu musterhafte Zurückhaltung.
43:21
Er ist nicht der Mann dazu, bedenkenlos mit der Verlobten eines anderen zu Bett zu gehen. 13. Juli Die Zustimmung meines Vormunds ist eingetroffen. War gestern bei Manjis Eltern zum Tee. Eine Juristenfamilie, die mich mehr als kühl aufgenommen hat. 14. Juli. Mit meinem zukünftigen Herrn Gemahl die Parade angesehen. Er konnte seine Begeisterung für Militärmusik nur schwer verleugnen. Ein bezaubernder Bourgeois.
43:52
16. Juli.
43:54
Beim Notar gewesen, Kontrakt über Gütertrennung aufgesetzt und unterzeichnet. Man kann nicht alles haben. 17. Juli. Standesamtliche Trauung im Bürgermeisteramt des 16. Arrondissements. Trotz der Höflichkeit des Beamten war es Christian sichtlich unangenehm, eine solche Maskerade aufführen zu müssen. Für ihn gilt nur die kirchliche Trauung.
44:20
18. Juli In Anbetracht des morgigen Ereignisses musste ich heute zur Beichte gehen und so gewissermaßen meinen Frieden mit der Religion schließen. Die katholischen Beichtväter haben so eine sachliche, fast geschäftsmäßige Art, die sehr beruhigend wirkt. Man muss der Wahrheit schon sehr sicher sein, wenn man sich so wenig Mühe gibt, den Menschen zu gefallen.
44:44
19. Juli So, und nun die wirkliche Trauung. Sehr gelungen. Canova erschien in der Sakristei und gab beim Abschied ein paar formvollendete Sätze von sich. In einer Stunde nehmen wir den Orient Simplon Express Reiseziel Jugoslawien, das unsere Finanzen nicht allzu sehr strapazieren wird. Christian trägt seit heute Morgen eine Beerdigungsmine zur Schau. Vermutlich ein Zeichen seiner inneren Bewegtheit.
45:15
Musik Musik Musik Musik Musik He can feel all my misery
46:22
Seit gestern wieder in Paris. Mein Mann hat eine kleine Wohnung in der Rue de Passy gemietet, die modern und erstaunlicherweise trotzdem geschmackvoll eingerichtet ist. Es war eine wunderbare Reise. Mit dem Zug bis Venedig, das mich weder überraschte noch enttäuschte. Dann per Schiff nach Dubrovnik, dem früheren Ragusa, wo wir uns drei Wochen aufgehalten haben.
46:47
Dubrovnik ist der schönste Ort, den man sich vorstellen kann. Eine Stadtmauer, die den Vergleich mit Carcassonne nicht zu scheuen braucht, schließt die Altstadt von den neueren Vierteln ab. Diese kleine Altstadt ist nach einem geometrischen Plan aus glatten Steinen erbaut und schimmert in der Sonne rosa Farben. Das ist etwas anderes als die geschmacklosen Gipsornamente in Venedig, die mir die Stadt wie eine schlecht geschminkte alte Frau erscheinen lassen.
47:16
Christian war während dieser Reise von einer beständigen Zuvorkommenheit und hat mich mit Aufmerksamkeiten überschüttet, die mich zuweilen fast ermüdeten.
47:27
Drei Tage vor unserer Abreise schwamm ich in einiger Entfernung vom Privatstrand des Hotels Excelsior in einem glatten, ruhigen Meer und sah die Stadt vor mir, die weder nah noch fern erschien. Plötzlich hatte ich einen Schwächeanfall, stieß wohl noch einen Schrei aus und verlor das Bewusstsein. Mein Mann, der neben mir schwamm, packte mich und schleppte mich bis zu dem Betonkei, wo ihm schließlich der Bademeister zu Hilfe kam.
47:56
Ich war so bewegt, dass ich Christian mit ein paar einfachen Worten meinen Dank aussprach. Er war sehr verlegen, fast ärgerlich und sagte, du brauchst mir nicht zu danken, ich schulde dir viel mehr, als du je ahnen kannst. Noch mehr als seine Worte überraschte mich der Ton, in dem er sie aussprach.
48:20
Was hat er nur damit sagen wollen? Ich mag Geheimnisse nicht.
48:27
3. September Meine Arbeit bei Canova, der ebenfalls aus dem Urlaub zurück ist, wieder aufgenommen. Er bereitet einen Aufsatz über die Etrusker für eine Kunstzeitschrift vor, den er bis zum 15. Oktober abliefern muss. Seine Frau war ausgegangen und ich sah sehr verführerisch aus. Er hat mich aufmerksam gemustert und einige Annäherungsversuche gemacht, die ich jedoch zurückwies. Er machte ein ganz verblüfftes Gesicht.
48:57
Beim Nachhausekommen witterte ich ein fremdes Parfum in der Wohnung. Das gefällt mir nicht. 6. September. Irgendjemand kommt während meiner Abwesenheit in unsere Wohnung. Das Sofa im Wohnzimmer ist geradezu getränkt mit diesem fremden Parfum. Christian bemerkt es gar nicht.
49:19
Er entwickelt sich zum Kettenraucher, hat einen chronischen Bronchialkatar und Hüstel dauernd.
49:24
10. September. Schon wieder dieses Parfum, das ich nirgends unterbringen kann. Dazu ein leichter Schweißgeruch. Diese Sache macht mich ganz verrückt. Es scheint festzustehen, dass er mich von Zeit zu Zeit zwischen 17 und 19 Uhr, also während ich bei Canova arbeite, betrügt. Und ich irre mich auch nicht, denn in den Nächten, die darauf folgen, zeigt er sich nicht gerade von seiner besten Seite.
49:51
Aber damit, dass ich die beiden überrasche, würde ich gar nichts gewinnen. Ich muss mich auf diskrete Weise informieren und dann, wenn ich Bescheid weiß, meine Maßnahmen treffen zu können. 14. September. Wieder diese Frau. Heute Vormittag war ich bei Dubreuil.
50:13
In dem kleinen Büro der Firma habe ich einem dicken Mann, der etwas von einem Polizeibeamten und zugleich etwas von einem Arzt an sich hatte, meinen Fall auseinandergesetzt und hinzugefügt, dass die Sache nicht zu viel kosten dürfe. Monsieur Dubreuil hat mir schließlich vorgeschlagen, ein Mikrofon anbringen zu lassen.
50:32
Ich habe eingewilligt.
50:35
Vielleicht ist es eine ganz banale Geschichte, bei der das Körperliche die größte Rolle spielt, irgendein konventioneller Seitensprung, über den ich mich nicht zu beunruhigen brauche. Möglicherweise bekomme ich Worte und Sätze zu hören, die mich mehr amüsieren als erstaunen. Die gut erzogenen Männer halten es zuweilen für eine angenehme Pflicht, ihren Geliebten die Vorzüge ihrer Ehefrauen zu schildern. 16. September Der Spezialist der Firma Dubreuil kam nach dem Frühstück, als Christian nach Sèvres gefahren war, wo er in einer Privatschule unterrichtet.
51:15
Er hat das Zimmer mit kritischem Blick untersucht. Das Mikrofon und das Kabel lassen sich ohne jede Schwierigkeit verstecken. Aber die Unterbringung des Aufnahmegerätes stellt uns vor gewisse Probleme.
51:30
Die Mieter der Etage unter uns sind auf Reisen. Aber sie haben ein Zimmer an einen jungen Mann vermietet, der irgendwie mit dem Film zu tun hat. Dieses Zimmer, das nur wenige Meter vom Schauplatz der Ereignisse entfernt liegt, wäre der ideale Ort für die Bandaufnahme. Ich werde morgen diesem Herrn einen Besuch abstatten. 17. September Ein sehr elegant gekleideter, etwas dümmlicher junger Mann, der sich ein bisschen als Frauenheld aufspielt und jederzeit bereit ist, einer Frau einen kleinen Dienst zu erweisen, weil er hofft, dann auf seine Art davon profitieren zu können.
52:08
Also genau das, was ich brauche.
52:11
Er tut mir diesen Gefallen umso lieber, erstens, weil er ein Geheimnis dahinter wittert und zweitens, weil ich hübsch bin. Beinahe hätte er sich bei mir bedankt. Er versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass er den Bogen ein bisschen überspannt und dass ein Mann, der mich erobern will, schon auf eine besondere Gelegenheit warten muss. Jetzt leckt er sich wahrscheinlich seine dicken Lippen und hofft darauf, dass die Zeit für ihn arbeitet. Wer weiß.
52:41
Heute am frühen Nachmittag wurde alles installiert. Es ist eine wahre Freude, Experten bei ihrer Arbeit zuzusehen. Diese Präzision, diese Schnelligkeit. Das Mikrofon haben sie hinter ein paar Prachtbänden, die nie gebraucht werden, auf dem Bücherregal über dem Sofa versteckt.
53:04
Das Kabel führt hinter dem Möbel zum Fußboden und dann unter dem Teppich bis zur Fensterecke. Im Schutz des Vorhangs klettert es zum Fensterbrett empor. Vorsichtshalber wurde es auf diesem Abschnitt mit verschiedenen Farbanstrichen versehen, sodass es sich zuerst der Täfelung und dann der Wand anpasst.
53:25
Außerhalb des Fensters zieht es sich dann als feiner ziegelroter Strich, der von der Mauer überhaupt nicht zu unterscheiden ist, bis zu dem Fenster unseres gefälligen Nachbarn hinunter und verschwindet in seinem Zimmer. In diesem Raum ist nun der Apparat untergebracht, der dazu bestimmt ist, die Gespräche aufzunehmen.
53:47
Es ist jetzt 16.20 Uhr. Christian wird bald aus Sèvres zurückkommen und ich werde mich zu meinem Arbeitsplatz begeben, um gleich darauf in einem Taxi wieder hierher zu fahren. Dann werde ich mich allein in diesem Zimmer einschließen und hier den Preis meiner Mühen ernten. Ich fühle, dass ich nicht lange zu warten brauche. Die beiden haben sich seit dem 14. nicht mehr getroffen. Sie haben also Zeit gehabt, Atem zu schöpfen und sich aufeinander zu freuen.
54:16
Vollständige Wiedergabe des am 18. September 1948 durch Madame Beatrice Magy aufgenommenen Turnbands.
54:24
Versetz dich doch! Es macht mich ganz verrückt, wenn du dauernd hin- und herläufst. Eigentlich müsstest du doch müde sein.
54:50
Also, in der zweiten Oktoberwoche. Wann ist das Zimmer fertig? Am zweiten. Das Arbeitszimmer bekommt neue Seidentapeten, Louis Sais. Ich hoffe, du wirst dich darin wohlfühlen.
55:05
So weit sind wir noch nicht.
55:07
Richtig. Zuerst musst du freigesprochen werden.
55:11
Du, ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du über dieses Thema keine Witze machen wolltest. Ich tue das alles für dich. Einzig und alleine für dich.
55:21
Und ich tue es ohne Zögern, weil ich mir einbilde, nicht mehr ohne dich leben zu können. Aber es ist mir nicht zum Lachen dabei zumute, dass ich deinen Mann töte. Gut, aber meine Frau... Deine Frau bin ich. Es ist nicht, weil sie meine Frau ist, sondern weil... weil sie ein liebenswerter Mensch ist und mir vertraut.
55:46
Mhm.
55:48
Und ich hoffe sehr, dass du ihr keine Gelegenheit gibst, dieses Vertrauen zu verlieren.
55:54
Also, wir haben uns gegenseitig nichts vorzuwerfen. Ich habe bei Mademoiselle Zurich so ein bisschen Schicksal gespielt. Du hast Beatrice ihre Stellung verschafft. Wir haben sie meinem Mann gewissermaßen in die Arme getrieben. Du hast sie zum Standesamt und zur Kirche geschleift. Du hast sie sogar das Leben gerettet.
56:18
Und da ich sie nur geheiratet habe, um sie zu opfern, frage ich mich, ob diese Ehe nicht in gewisser Hinsicht ungültig ist.
56:27
Schiri, dein Prozess ist vor dem obersten Gerichtshof von vornherein gewonnen.
56:35
Du bist ein gläubiger Katholik. Ganze Bataillone von Beichtvätern warten nur darauf, sich deines Falles anzunehmen. Ja, ja, ja.
56:44
Man sollte die göttliche Barmherzigkeit nicht beleidigen, sondern ihr lieber etwas zu tun geben. Gott ist zu allem fähig. Genau wie ich. Übrigens ist dein Verbrechen gar nicht so finsternd verworfen. Die Kleine verdient nichts anderes. Sie war die Geliebte meines Mannes. Sie ist es vielleicht noch jetzt. Deine Rolle ist wirklich nicht so schwer. Wenn du deine Gedanken im Zaum hältst und aufhörst, dich mit deinen dauernden Skrupeln herumzuschlagen...
57:13
Seit Monaten habe ich das Gefühl, mit einer Leiche zu schlafen. Ach, ich bin in der gleichen Situation und beklage mich nicht. Also, gehen wir zur Sicherheit noch einmal in aller Ruhe die Einzelheiten durch. Da das Arbeitszimmer neu tapeziert wird, soll Beatrice eine Zeit lang bei sich zu Hause arbeiten. Ist bereits mit meinem Mann abgesprochen. Es wäre also gar nicht erstaunlich, wenn er von selbst unter irgendeinem Vorwand hier auftauchen sollte.
57:44
Denk's. Das wird er wahrscheinlich tun.
57:46
Am Samstagabend bist du gewöhnlich bei deinen Eltern immer zen zum Essen. Ich habe Samstag, den 11. Oktober gewählt, weil an diesem Tag eine kleine Feier in deinem Elternhaus stattfindet.
57:57
Musst du denn wirklich meine Mutter in diese Sache mit hineinziehen?
57:59
Unbedingt. Wir müssen kräftige Farben auftragen. Die Geschworenen lieben das. Du wirst also an diesem Tag etwas später als gewöhnlich, nämlich gegen 18.30 Uhr, zu Hause weggehen.
58:12
und gegen 19.10 Uhr zurückkommen, weil du eine Bonbonniere vergessen hast, die du deiner Mutter mitbringen wolltest. Du bringst ja doch öfter Spalin mit, nicht wahr? Ja. Gut. Vergiss nicht, die Schachtel zu kaufen und zu vergessen. Ja. Vorher, gegen 18.20 Uhr, rufst du mich an und ich werde deinen Anruf in meinem Zimmer entgegennehmen. Das ist der einzige Apparat in unserer Wohnung. Mein Mann wollte nie ein Telefon auf seinem Schreibtisch haben, weil es ihn stört.
58:41
Für Beatrices Ohren, die dein Gespräch hören wird, kündigst du deiner Mutter an, dass du dich etwas verspätet hast. Ich werde daraufhin meinem Mann sagen, dass deine Frau ihn dringend sehen möchte, um einige Unklarheiten, die auf den letzten Seiten aufgetaucht sind, mit ihm zu besprechen. Du weißt ja, dass er seine Arbeit über die Etrusker am 15. abliefern muss. Ja.
59:05
Und ist es ausgeschlossen, dass jemand unser Gespräch mithört?
59:08
Vollkommen ausgeschlossen.
59:12
Du weißt, dass mein Mann aus Vorsicht immer die Metro benutzt. Nenn ihn doch bitte nicht immer mein Mann. Ein Mann, der dafür, dass er mich besessen hat, mit seinem Leben und seinem Vermögen bezahlt, hat ein Recht auf diesen Titel. Das ist alles, was ich für ihn tun kann. Er wird also gegen 18.25 Uhr hier sein. Ich bin die Strecke selbst mit der Metro gefahren und habe die Zeit überprüft. Die beiden werden also eine gute Viertelstunde haben.
59:39
Zur Freizeitgestaltung.
59:41
Na siehst du, jetzt machst du dich. Der Humor steht immer am Anfang der Weisheit. Wo waren wir? Ah ja, bei deinem Auftauchen. Für die Geschworenen findest du deine Frau sehr leicht bekleidet, zusammen mit meinem Mann an einem Tisch sitzend, der für zwei Personen gedeckt ist, während du ja auswärts essen wolltest. Hinter ihnen das zerwühlte Couchbitt. Du nimmst darauf aus der Kommodenschublade deinen ordnungsgemäß angemeldeten Polizeirevolver, die 765, den Revolver, also der, wie zahlreiche Zeugen bestätigen können, seit Monaten hier liegt.
60:20
Und tötest die beiden im Affekt. Schieß aus der Nähe. Ziele auf den Körper. Und spare deine Kugel nicht. Deine Aufregung entschuldigt alles.
60:34
Und dann?
60:39
Ich meine, soll ich zuerst einen Arzt oder die Polizei benachrichtigen?
60:43
Zuerst den Arzt. Sofort nach deiner Tat packt dich die Reue. Du hast einen Kollegen, einen Lehrer, einen Wohltäter und Freund schwer verletzt.
60:52
Und das stimmt sogar.
60:53
Aber trag nicht zu dick auf. Zurückhaltende Verzweiflung ist immer am überzeugendsten.
60:58
Deine Frau brauchst du nicht zu heftig zu beweinen. Sie war das räudige Schaf in der Familie und du hast sie in einem Anfall jugendlicher Verblendung geheiratet. Friede ihre Asche.
61:10
Es ist vor allem der Tod meines Mannes, der einen schmerzlichen Eindruck auf das Publikum machen wird. Das Publikum aber soll dich freisprechen. Und wir müssen daher seine Gefühle einkalkulieren.
61:24
Also gleich nach dem Mord muss ich das Bett aufschlagen und noch ein Gedeck auflegen?
61:31
Ja. Das sind Einzelheiten, die bei der Verhandlung ins Gewicht fallen werden. Die Mühe macht sich bestimmt bezahlt.
61:37
Ja, aber wenn man die Fingerabdrücke untersucht.
61:40
dann wird man herausfinden, dass ich das eine Gedeck aufgelegt habe und meine Frau das andere.
61:45
Selbstverständlich. Vor dem Weggehen hast du deiner Frau geholfen, den Tisch zu decken. Und sie hat dann in deiner Abwesenheit noch das Gedeck für ihren Liebhaber aufgelegt. Die Wissenschaft ist wohl imstande, Fingerabdrücke zu identifizieren, aber sie kann noch nicht auf die Stunde genau bestimmen, in welcher Reihenfolge diese Abdrücke hinterlassen wurden. Und auf die Wissenschaft kann man sich verlassen. Tja.
62:10
Das stimmt. Pass auch auf, dass genügend Vorräte im Kühlschrank sind.
62:19
Du denkst wirklich an alles.
62:23
Ich liebe dich. Und gib vor allem acht, dass du ihr Besteck nicht berührst, wenn du mit ihr den Tisch steckst. Gegen 18 Uhr ist es zwar ein bisschen früh dafür, aber Sie wird dir trotzdem dankbar sein für deine Aufmerksamkeit. Ist sonst noch irgendetwas unklar?
62:48
Nein. Vergiss nicht, dass sie unbedingt ausgezogen sein muss. Das ist das Allerwichtigste. Wäre doch ein bisschen schwierig und unpassend, sie erst nach dem Tod als hetere zu kostümieren.
63:04
Das brauchst du mir nicht zu sagen.
63:06
Mein Mann muss sie im Nachthemd und Morgenrock vorfinden.
63:09
Und du glaubst nicht, dass er sofort wieder geht?
63:11
Nein.
63:13
Sie werden zuerst versuchen, das Missverständnis aufzuklären. Und dann wird mein Mann die Gelegenheit nutzen, um ein bisschen zu flirten. Vielleicht wird er sogar zudringlich. Er wird ein bisschen ausgehungert sein. Ich werde ihn in den vorhergehenden Tagen nicht gerade verwöhnen.
63:33
Ich werde auch dafür sorgen, dass er sich nicht anderweitig schadlos hält. Aber ich, ich soll mich anstrengen. Dann fängst du schon wieder an. Es ist unbedingt nötig, dass du vor dem Weggehen mit der Kleinen schläfst. Schenk ihr einen Genuss fürs ganze Leben. Mir macht es nichts aus. Ich bin weder bußhaft noch eifersüchtig. Na wunderbar. Denk an unsere 200 Millionen.
64:03
Denk an mich.
64:05
Ja. Aber im Grunde ist es gar nicht so wichtig, wenn deine Bemühungen nicht zu einem vollen Erfolg führen. Die Präliminarien werden schon genügen. Hauptsache Beatrice ist für das, was dann kommen wird, in der entsprechenden Aufmachung. Du könntest dir ja auch eine erste Enttäuschung bereiten. Das wird dir den Tod erleichtern.
64:39
Komm, zieh dich wieder an. Sie wird gleich zurück sein.
64:43
Wir haben reichlich Zeit. Denk daran, dass wir uns jetzt monatelang nicht wiedersehen werden.
64:55
Du, wenn du bei mir bist, dann erscheint mir alles so einfach.
65:07
Ich werde immer bei dir sein.
65:10
Auch wenn ihr zusammenschlaft. Entschuldige. Du musst endlich einsehen, dass jede Art Verbindung zwischen uns eine Gefahr bedeutet. Es liegt an uns, das Risiko möglichst niedrig zu halten. Die Polizei und die Beamten der Versicherungsgesellschaften, die den Fall untersuchen werden, wissen genau Bescheid, über alle möglichen und vorstellbaren Arten seine Nächsten umzubringen. Es ist so schwer, auf diesem Gebiet etwas Neues zu erfinden.
65:37
Aber
65:40
Unsere Stärke liegt ja gerade darin, dass wir diesen Herrschaften auf einem silbernen Tablett einen scheinbar ganz banalen Mord offerieren.
65:50
Einen Mord ohne Probleme, ohne Alibi.
65:56
Sie bekommen alles geliefert. Das Motiv, den Schauplatz, die Opfer, den Täter, die Waffe.
66:02
Aber...
66:08
Wir müssen auch bedenken, dass ein Mord, der ein kleines Vermögen einbringt, stets verdächtig wirkt. Vor allem die Fachleute der Versicherungsgesellschaften werden Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um eine für sie vorteilhafte Lösung zu finden. Man rückt nicht kampflos zwei Millionen Schweizer Franken heraus, ganz abgesehen von den kleineren Sümmchen, die hier in Frankreich fällig werden.
66:34
Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass diese Herren unsere sämtlichen Handlungen und Gästen in den Wochen vor dem Mord aufs Genaueste unter die Lupe nehmen. Aber wenn Sie uns nichts nachweisen können, sind Sie machtlos.
66:49
Komm, zieh dich an. Mach mir die Bluse hinten zu mir. Mhm.
67:05
Du brauchst gar keine Angst zu haben. Du bekommst die besten Anwälte von Paris. Und ich werde als Privatklägerin auftreten. Eine Tragödie wie von Corneille.
67:20
Und später werden wir dann irgendwo im Ausland heiraten.
67:28
Mein Freispruch wäre noch sicherer, wenn ich nur deinen Mann erschießen würde.
67:35
Und was willst du mit der Kleinen anfangen? Sie zur Komplizin machen? Glaubst du wirklich, dass du dich auf sie verlassen könntest? Und wenn wir sie tatsächlich einweihen würden, was würde uns das wohl kosten?
67:48
Naja, auf ein paar Millionen Frauen dürfte es uns ja nun wirklich nicht ankommen.
67:52
Ach, red doch nicht so unrealistisches Zeug. Du hast nie wie ich in einem Land gelebt, wo man keinen Überfluss, keine Lebensfreude kennt, wo man Pellkartoffeln isst. Und sich dabei mit dem Gedanken tröstet, dass die späteren Generationen Wurst und Braten essen werden. Ich werde nie einen Fond herausrücken, wenn ich nicht dazu gezwungen bin. Jetzt muss ich gehen. Du hast deinen Wagen doch nicht etwa in der Nähe geparkt. Ach, du weißt genau, dass ich ihn immer mindestens fünf Minuten von hier entfernt stehen lasse.
68:25
Und jedes Mal in einer anderen, in einer anderen Straße. Ja.
68:32
Außerdem ist eure Concierge schon um 11 Uhr vormittags betrunken.
68:37
Lass deinen Schleier auch runter.
68:39
Küss mich zuerst nochmal.
68:55
Übrigens, wegen der Fingerabdrücke.
69:00
Sieh zu, dass du meine überall sorgfältig entfernst. Ja. Sicher ist sicher. Ich weiß nicht, wie lange sich Abdrücke halten. Und wenn man hier auch nur einen einzigen Fingerabdruck von mir entdecken sollte, dann wird uns das teuer zu stehen kommen.
69:31
Tagebuch der Madame Beatrice Magy 21. September Es geht mir schon wieder besser. Beim ersten Abhören habe ich es gar nicht begriffen. Es war so ungeheuerlich. Die Stimmen klangen so fremd. Es ging alles so schnell. Ich musste das Band noch einige Male abspielen.
70:04
Als der Filmmann gegen 22 Uhr nach Hause kam, war ich noch ganz benommen. Ich muss wohl recht verstört ausgesehen haben, denn er begriff sofort, dass ich nicht zum Flirten aufgelegt war. Und seine Fragen blieben ihm in der Kehle stecken. Ich habe den Apparat stehen lassen, wo er war, habe das Tonband in meine Tasche gestopft und gemacht, dass ich fortkam.
70:31
Auf der Treppe versagten mir plötzlich die Beine. Bis dahin hatte ich mich bemüht, zu verstehen und nachzudenken. Ich hatte noch gar keine Zeit gehabt, Angst zu bekommen. Aber dann trat mit einem Mal die Reaktion ein. Ich zitterte am ganzen Körper, konnte nur mühsam atmen und klammerte mich am Geländer fest.
70:56
Schließlich nahm ich alle Kraft zusammen und stieg die letzten Stufen bis zu unserer Wohnungstür hinauf. Mir kam plötzlich der Gedanke, dass dieses Tonband, das ich in meiner Tasche hatte, mich unverwundbar machte. Diese Feststellung ließ mich den ersten Schock überwinden, sodass ich zwar noch erregt, aber beinahe selbstsicher die Tür öffnen konnte. Christian erwartete mich ungeduldig.
71:25
Er hatte mich wohl schon als Opfer eines Straßenunfalls gesehen und der Gedanke an die unvermeidlichen Folgen hatte ihn schaudern lassen. Was hätte ihm auch bevorgestanden? Ich entschuldigte mein Zuspätkommen mit der erstbesten Ausrede, die mir einfiel, und er gab sich damit zufrieden. Schneller als ich geglaubt hatte, gewöhnte ich mich an diese beispiellose Situation.
71:52
Vielleicht, weil ich meinen Mann nie wirklich geliebt habe. Das frohlockende Gefühl, etwas zu wissen, was er nicht wusste, verschaffte mir sogar einen etwas grausamen Genuss. Gegen Ende der Mahlzeit, deren gewohnheitsmäßige Einzelheiten mir mein Gleichgewicht wiedergegeben hatten, nahm ich eine romantische Pose ein und versetzte in düsterem Tone.
72:19
Ich habe das Gefühl, dass ich jung sterben werde. Er ließ die Birne, in die er gerade beißen wollte, auf die Tischdecke fallen. Warum sagst du das? Ich weiß nicht. Eine Vorahnung.
72:34
Ich muss schon sagen, dass er rühmliche Anstrengungen machte, mich abzulenken. Er wurde mir fast sympathisch dabei. Aber als wir dann beim Café waren, starrte ich plötzlich mit erheuchelter Tiefsinnigkeit in meine Tasse und fing wieder an. Ich habe Angst. Letzte Nacht habe ich geträumt, ich würde von Würmern gefressen. Das war ein bisschen dick aufgetragen, aber der Zustand meines Partners gestattete mir eine solche Übertreibung. Das ist ja verrückt.
73:03
Wieso? Sein Blick belebte sich, er hatte ein Argument gefunden. Zunächst einmal, weil man nie von Würmern gefressen wird. Warum nicht? Aber das ist doch bekannt. Du gebrauchst da nur eine billige Redensart der klassischen Rhetorik. Damit Würmer kommen, müssen zuerst einmal Fliegen da sein und der Leichner müsste in der Luft verwesen. Bisher hat man nämlich noch nie beobachtet, dass Fliegen in Särge kriechen.
73:29
Wie gelehrt du bist, mein Schatz. Und vielleicht sterbe ich ja auch im Spätherbst, also zu einer Jahreszeit, in der es nicht mehr so viele Fliegen gibt. Er konnte kaum seinen Kaffee hinunterwürgen, aber ich ließ nicht locker. Ich sprach von den Toten, die wiederkommen, und ich versicherte ihm in zärtlichem Tone, dass ich stets bei ihm bleiben würde, ganz gleich, was mir zustoßen sollte.
73:56
Aber ich hatte mir mit meinen Fantasien wohl etwas zu viel zugemutet. Im dunklen Schlafzimmer erwachte meine Furcht wieder. Und als er mich versehentlich im Bett mit seinem Bein streifte, zitterte ich vor Abscheu. Und die Feststellung, dass auch er zitterte, war ein schwacher Trost. Wir waren ein seltsames Ehepaar in dieser Nacht.
74:20
Der Morgen gab mir meine Sicherheit wieder. Und ich kam sogar auf neue Ideen. Während des Vormittags rief ich Monsieur Dubreuil an und bat ihn, das nötige Material in die untere Etage zu schicken, damit ich das aufgenommene Band kopieren könne. Außerdem verlangte ich die Installierung einer Abspielanlage in unserer Wohnung oben.
74:45
Mein Plan amüsierte die Herren der Firma Dubreuil, die sonst einen recht blasierten und abgebrühten Eindruck machten, außerordentlich, und unser junger Nachbar zappelte förmlich vor Freude. Schließlich wurde ein Lautsprecher in unser Radio einmontiert. Da Christian von diesen Dingen keine Ahnung hat, konnte ich ganz beruhigt sein. Er würde bestimmt nichts Außergewöhnliches bemerken. Dann verbannte ich den jungen Mann kurzerhand aus seinem eigenen Zimmer und machte mich an die Arbeit.
75:16
In einer raffiniert ausgeklügelten Reihenfolge kopierte ich einige Abschnitte des ursprünglichen Bandes auf ein neues Band und arrangierte mithilfe dieser Bruchstücke ein geradezu unbeschreibliches Melodrama aus Liebesseufzern, blutrünstigen Plänen, billiger Alltagsphilosophie und gemurmelten Obszönitäten, in dem, ich muss es gestehen, mein Christian nur eine Nebenrolle spielte.
75:45
Zwischen die Originalteile mischte ich Worte und Sätze eigener Erfindung, im Ton schüchterner Gekränktheit gesprochene Vorwürfe, verzweifelte Schreie, Passagen aus der Hochzeitszeremonie, ausgewählte Stellen des Neuen Testaments. Gelegentlich schaltete ich unheilschwangere Pausen ein. Und dann wieder brachte ich als eine Art Begleitmusik ein paar Orgeltakte aus dem Trauermarsch von Chopin, die ich von einer Grammophonplatte meines Gastgebers kopierte.
76:16
Das Ganze war so leise, dass man ganz still sitzen und genau aufpassen musste, um die einzelnen Worte zu verstehen. Aber bestimmte, besonders bedeutungsvolle Worte hoben sich mit einer so unerwarteten Lautstärke hervor, dass der Hörer unwillkürlich zusammenschrecken musste.
76:35
Den Schluss bildeten klar und deutlich gesprochene Worte, bei denen ich versuchte, eine wahrhaft metaphysische Empörung in meine Stimme zu legen. Ich rief, und er wird kommen, zu richten, die Lebendigen und die Toten. Gegen fünf Uhr rief ich bei Canova an, um mich wegen meines Ausbleibens zu entschuldigen, und begann dann, mehrere vollständige Kopien des Originalbandes anzufertigen.
77:04
Gestern mietete ich einen kleinen Banktresor und legte die Bänder hinein. Ich fühlte mich danach direkt erleichtert. Selbst wenn Christian mein Experiment durchschauen sollte, würde er doch nichts gegen mich ausrichten können.
77:19
Als ich dann gestern Abend von meiner Arbeit bei Canova zurückkehrte, ging ich zuerst in die untere Wohnung, schaltete den Kontakt zwischen oben und unten ein und stellte das Bandgerät auf Wiedergabe. Da ich am Anfang des Bandes mehrere Minuten Leerlauf gelassen hatte, blieb mir reichlich Zeit, in unsere Wohnung hinaufzugehen. Christian lag auf der Couch und las. Er trug seine Hausjacke und seine Hausschuhe und empfing mich mit scheinbarer Ungezwungenheit, Hübsch siehst du aus heute Abend.
77:50
Na, hast du deine schwarzen Gedanken überwunden? Völlig, mein Schatz, das war ganz dumm von mir. Aber nein, das kann doch jeden mal passieren. Es gibt Tage, an denen man sich die unmöglichsten Dinge einbildet. Ich lachte unwillkürlich laut heraus und er stimmte erleichtert in mein Lachen ein. Dann griff ich nach einer Zeitschrift, setzte mich ihm gegenüber. Ich brauchte nicht lange zu warten.
78:18
Die Vorführung begann mit dem rhythmischen Knarren und Quietschen einer Matratze. Zuerst waren die Töne fast unhörbar, aber dann allmählich wurden sie deutlicher. Christian schrak aus seiner Lektüre auf und betrachtete mit komisch verblüffter Miene seine Lagerstatt. Diese Töne schienen irgendeine Erinnerung in ihm zu wecken, Bald darauf fragte er mich zögernd, »Hörst du nichts?« Ich warf ihm einen verständnislosen Blick zu.
78:51
Sichtlich beunruhigt nahm er daraufhin in einem Sessel Platz und tat, als vertiefe er sich wieder in seine Lektüre.
79:00
Ich muss gestehen, die folgenden Minuten zählen zu den Höhepunkten meines Lebens. Welch ein Genuss für ein zukünftiges Opfer, seinen Mörder in Schrecken zu versetzen, ohne dass er begreifen kann, was ihm geschieht. Und er hätte wahrhaftig ein Genie sein müssen, um hier Verdacht zu schöpfen. Wie sollte er auf den Gedanken kommen, dass ich das Gespräch mit seiner Geliebten belauscht und aufgenommen hatte?
79:27
Sein Entsetzen wuchs von Minute zu Minute.
79:31
Von Zeit zu Zeit machte er Anstrengungen, diesem Albtraum zu entrinnen. Ich habe den Eindruck, dass da etwas aus dem Radio kommt. Ich sah ihn etwas besorgt an und lächelte nachsichtig. Aber das Radio ist doch gar nicht eingeschaltet, mein Schatz.
79:48
Er erhob sich, fingerte ratlos an dem Apparat herum und wandte sich dann mit einer Miene, die um Entschuldigung bat, wieder zu mir. »Du hörst wirklich nichts?« »Nein. Was hörst du denn eigentlich?« Ich sprach ihm gut zu, wie einem Kind, und bemühte mich, seine Angst, mit ein paar harmlosen Redensarten zu zerstreuen. »Möchtest du einen Armoniak, mein Schatz?« Aber er hörte diese Worte gar nicht.
80:15
Wie erstarrt, mit gesenkten Augen saß er da. Dass noch Leben in ihm war, konnte man nur aus einem gelegentlichen leichten Zusammenzucken entnehmen, wenn ein Wort ertönte, das seine Qual bis ins Unerträgliche steigerte. Als die Stimmen verstummten, war Christian in sich zusammengesunken. Seine blonden Haare waren schweißnaß. Mir kam eine letzte Idee.
80:45
»Jetzt kommt es mir auch fast so vor, als ob ich etwas höre«, sagte ich plötzlich. »So etwas wie ein Gemurmel.« Und ich beugte mich interessiert über das stumme Radio. Er fuhr entsetzt auf. »Aber das ist doch nicht möglich. Ich höre nichts mehr.« »Ah, meinst du?« Damit hatte ich ihm unversehens den letzten Stoß versetzt.« Bleich wie ein Gespenst schleppte er sich zum Telefon, blätterte fieberhaft in dem Nummernverzeichnis und rief dann aufs Graterwohl einen Arzt an. »Dringend, ja, ich fühle mich sehr schlecht.
81:17
Es handelt sich um Halluzinationen. Ich habe Fieber.« Er aß keinen Bissen, sondern ging sofort zu Bett. Der Besuch des Arztes half ihm kaum. In der Nacht stieg das Fieber und er begann zu fantasieren. Ich benutzte diese Gelegenheit, um hinunterzugehen und die Montage wieder zu löschen. Als er gegen Mittag endlich einschlief, hatte ich Zeit, alles noch einmal durchzudenken.
81:47
Bei genauer Überlegung erscheint mir ein Notar doch sicherer als ein Banktresor. Ich habe mich daher entschlossen, sobald wie möglich einen bekannten Notar aufzusuchen und bei ihm sozusagen als Testament die Bandaufnahmen zu deponieren. Dazu mein Tagebuch und eine schriftliche Wiedergabe des auf dem Band aufgenommenen Gesprächs. Für den Fall, dass das Bandmaterial verderben sollte, wären dann noch immer die anderen Dokumente vorhanden.
82:17
Es ist jetzt 19 Uhr. Christian hat heute Mittag etwas Gemüsebouillon, die er sonst verabscheut, zu sich genommen und sich dann wieder in den Schlaf geflüchtet.
82:29
Mein heute Morgen gefasster Entschluss hat mir meine Ruhe vollends wiedergegeben. Ich fühle mich von jetzt ab sehr stark.
82:38
Noch eine Nacht, und sie würden sich durch einen Mord an mir selbst verurteilen. Mein Leben wird ihnen bald ebenso kostbar sein wie ihr eigenes. Sobald mein Testament in Sicherheit ist, werde ich meinen Mann über die wahren Zusammenhänge aufklären. Seine Angst hat dann eine solide und vernünftige Grundlage. Und diese Angst wird ihn langsam, aber sicher zugrunde richten.
83:07
Auszug aus der Depeche vom 12. Oktober 1948.
83:12
Eifersuchtsdrama in der Rue de Passy. Gestern Abend, kurz nach 19 Uhr, wurde Polcanova, Professor an der Sorbonne, in der Wohnung seiner Sekretärin Beatrice Magny durch deren Ehemann mit einigen Revolverschüssen niedergestreckt.
83:29
Christian Magny, der eine Assistentenstelle an der Philosophischen Fakultät der Sorbonne innehat, war unerwartet in seine Wohnung zurückgekehrt. Die Haltung des Paares ließ augenscheinlich keinen Zweifel an dem Grad ihrer Intimität zu, doch scheint es, zumindest auf den ersten Blick, dass der Verdacht eines vorsätzlichen Mordes nicht aufrecht erhalten werden kann.
83:55
Obgleich sofort ein Arzt zur Stelle war, den der von Reue gepackte Mörder selbst herbeigerufen hatte, ist Bolcanova heute Morgen gegen 4.30 Uhr in der amerikanischen Klinik von Neuilly, wohin man ihn sofort gebracht hatte, gestorben. Das Ehepaar Manji wird zurzeit in den Räumen des Polizeigerichts durch Kommissar Manjou verhört. Einzelheiten liegen noch nicht vor.
84:20
Zweifellos dürfte dieser traurige Vorfall ein liebhaftes Echo in Universitätskreisen finden, in denen die Hauptbeteiligten die größte Achtung genossen.
84:29
Du hast mir gesagt, dass ich dich gemacht habe, um eine trolle Geschichte. Ich habe die Ideen auf der Seite und ich mache, was ich will. Ich bringe dich auf den Weg meiner trolle Geschichte. Ich werde dich jeden Tag sehen. Paris, 13. Oktober 1948. Vera Canova an den Direktor der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice Lausanne.
85:10
Sehr geehrter Herr Direktor, hierdurch möchte ich Sie bitten, die Summe, die mir infolge des plötzlichen Hinscheidens meines Mannes zusteht, bis auf Widerruf zunächst weiter zu verwalten.
85:23
Ich bin in Finanzfragen ebenso unerfahren wie mein Mann es war und benötige daher einige Monate, bevor ich mich in der Lage sehe, irgendwelche neuen Entscheidungen zu treffen. Man rät mir, die Gelder erneut bei ihnen anzulegen und auch ich möchte glauben, dass dies die einfachste und vorteilhafteste Lösung wäre. Fürs Erste möchte ich Sie hiermit bitten, die fälligen Zinsen zunächst zum Kapital zu schlagen. Mit den besten Empfehlungen.
85:51
Paris, 13. Oktober 1948.
86:06
Vera Canova an den Direktor der Versicherungsgesellschaft La Familiale Paris.
86:12
Sehr geehrter Herr Direktor, hierdurch ersuche ich Sie, zur Bestreitung der durch meinen Trauerfall entstandenen Kosten, die Summe von 500.000 Fonds auf mein Konto überweisen zu lassen.
86:25
Die restlichen 19.500.000 Fr. abzüglich der Erbschaftssteuer bitte ich Sie bis auf Widerruf weiter zu verwalten.
86:34
Da ich nicht wüsste, wie ich diese Gelder besser anlegen könnte, beabsichtige ich in Kürze einen neuen Vertrag mit Ihrer Gesellschaft abzuschließen. Fürs Erste bitte ich Sie, die fälligen Zinsen zum Kapital zu schlagen. Mit den besten Empfehlungen.
87:07
Lausanne, 13. Oktober 1948. Der Leiter der Todesfallabteilung der Versicherungsgesellschaft La Salvatrice an den Leiter der Todesfallabteilung der Versicherungsgesellschaft La Familiale Paris.
87:23
Betrifft Fall Canova. Sehr geehrter Herr, anlässlich der vor zwei Tagen erfolgten Ermordung Ihres Klienten, Monsieur Paul Canova, der auch unser Klient war, erlaube ich mir, Sie auf das große Interesse hinzuweisen, das die schweizerischen Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften an diesem Falle nehmen.
87:51
Wir haben darauf verzichtet, unsere eigenen Experten mit der Untersuchung zu beauftragen und möchten in dieser Hinsicht ganz ihren Leuten vertrauen, die ja den Vorteil haben, auf einem ihnen bekannten Terrain arbeiten zu können. Trotzdem legen wir Wert darauf, zu den Kosten dieser Untersuchungen im Verhältnis unseres Interesses beizutragen.
88:18
Dieses Angebot schließt unsere Erwartung ein, dass zur Klärung des Falles die äußersten Anstrengungen gemacht werden.
88:29
Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns über den Fortschritt der Untersuchungen genau auf dem Laufenden halten würden. Es versteht sich, dass wir ohne schwerwiegende Gründe die Auszahlung der Versicherungssumme nicht ungebührlich hinauszögern können.
88:49
Anliegend finden Sie die Abschrift eines im Jahre 1924, vor Abschluss des Vertrages, ausgearbeiteten Berichtes, der Ihnen vielleicht von Nutzen sein kann. Der Ausfertiger dieses Berichtes, der damalige Untersuchungsinspektor Pierre Rousseau, Bekleidet gegenwärtig den Posten eines stellvertretenden Generaldirektors und verfolgt diesen Fall mit regem Interesse.
89:21
Mit vorzüglicher Hochachtung.
89:28
Wolfram, deine Warnung von der Anmoderation eingedenkt, dass es so ein bisschen trocken Papieren anfängt, aber schau, wo wir jetzt gelandet sind. Also natürlich hört es auch wieder mit Papier auf, aber was steckt dahinter? Was kann man jetzt inzwischen zwischen den Zeilen lesen?
89:45
Genau, wirklich wahnsinnig viel passiert. Ich finde es ein ganz spannender Kontrast eben. Spielt jedoch in einer älteren Zeit, Buch von 1960, Hirschproduktion 1977, aber geht ja in den Zwischenkriegsjahren los. Moral spielt eine ganz große Bedeutung. Dieser Professor, der wirklich das langweiligste Leben überhaupt verspricht, auch seiner Versicherungsgesellschaft, Weißt du, der Inspektor der Versicherungsgesellschaft, der verzweifelt ja fast daran, sagt, so ein langweiliges Leben, keine Krankheitsanzeichen, die Frau auch hübsch, aber stinklangweilig, da wird nie was passieren, wir gehen kein Risiko ein, wenn wir da eine Lebensversicherung abschließen auf den Namen dieses Herrn.
90:31
Wirklich die absolute, nichts Dramatisches sollte jemals in diesem Leben geschehen und dann geschieht wirklich sehr, sehr, sehr viel.
90:38
Ja, von sehr, sehr tragisch, der Kindstod, Kindsmord, die Geliebten überall, platzierte Geliebte und dann, also für mich kam das ja wirklich überraschend, dass das so ein lang eingefädelter Plan ist von Frau Canova, mit ihrem Geliebten die Beatrice da zu installieren und all das aufzubauen. Weil wir haben ja diese Szene, können wir auch gleich noch drüber sprechen, wo wir die beiden hören, was ja auch nochmal so eine Farbigkeit ist, weil wir auf einmal so eine Spielszene haben in den Berichten und Protokollen davor.
91:10
Aber das ist ja schon wahnsinnig en detail die Tat auszuarbeiten, zu beschreiben und sie hat ja wirklich an alles gedacht. Aber man merkt halt, was da noch für ein Rattenschwanz daran hing und dass das schon seit Monaten in der Mache ist. Beeindruckend.
91:27
Oder?
91:28
Beeindruckend, ja.
91:30
Und ich denke tatsächlich, all diese Sachen funktionieren so gut, weil das so nüchtern und harmlos anfängt.
91:39
So, und es gibt ja doch immer weitere Eskalationsstufen. Also wir erfahren ja auch nur nebenbei, dass die erste Frau von unserem Professor Ganova gestorben ist. Dann, dass sein Kind krank ist. Da merkt man natürlich schon, da könnte jetzt mehr dahinter sein, während er seinen Forschungsaufenthalt macht. Dann finde ich auch ganz stark diese irre Geschichte. Ja, es waren wohl Glasscherben auf dem Boden. Er muss davon gegessen haben.
92:06
Sein Brot abgelegt auf den Scherben, jaja.
92:09
Genau, also das finde ich natürlich auch schon als Begründung ganz irre, aber halt auch spannend, wie das in Briefen gemacht wird. Später die Sekretärin, die so gekränkt ist, wie man quasi in ihrer Ehre da angreifen kann.
92:24
Weil sie einen Verlobungsring gestohlen hätte, das sich auch gerade umbringt. Das eskaliert alles immer mehr. Und nach draußen ist ja doch diese extrembürgerliche Fassade. Ehre, Moral sind wirklich wichtige Begriffe. Dann hast du aber auch schon gesagt, da wird betrogen und außereheliche Affären gehören wirklich einfach dazu.
92:46
Ich grinde gerade so ein bisschen, weil ich finde, du hast es jetzt zweimal so betont, Ehre und Moral. Für mich hat das nie so eine große Rolle gespielt. Es war immer, ich weiß nicht, es liegt vielleicht auch daran, dass die Frauen so sinnlich gezeichnet sind oder so beschrieben werden, aber auch die Männer sind alles hübsche. Und für mich hatte das immer so einen flirty Touch eigentlich in allem. Klar hat man nach außen die Fassade, aber irgendwie durchscheint für alle. Das ist jetzt nicht... So dieses ganz biedermeierliche Steife. Sondern ich dachte immer, ja, die wissen zu leben.
93:20
Ja, vielleicht hebe ich auch so ab auf die Ehre und die Moral, weil die ja doch zumindest eine Strategie ist für die Verteidigung von Christian. Das ist ja jetzt schon, er sei dann so in seine Ehre gekränkt und gleichzeitig so wild zur Leidenschaft, dass man ihn da freisprechen müsste. Ja.
93:38
Nein, aber das Recht des Anderes ist wirklich auch spannend und wirklich schön gesetzt. Ich finde, unser Professor wird doch eher etwas dröger eingeführt, eben die ganzen Versicherungsberichten. So ein langweiliger Mann, aber gesund und eigentlich am liebsten halt da sein, eher Trusker und was das alles ist. Aber wie die Sekretärin ihn dann beschreibt und die weißen Haare machen ihn sogar noch jünger und das ganze Attraktivität herauskommt und man geht mit. Also das ist schon spannend, je nachdem wer da seinen Tagebucheintrag macht oder den Brief schreibt, kriegt man doch immer ganz andere. Blicke und Perspektiven auf die handelnden Figuren.
94:12
Auch eben und gerade auf Beatrice, die ja so als Spielball eingeführt wird und dann ja aber so maßgeblich in die Handlung eingreift. Also ich denke jetzt an das Tonband, was sie fabriziert.
94:25
Das war zwei Dank fürs Hörspiel. Also nein, wir hören es ja nicht mal. Wir kriegen es ja nur beschrieben. Aber dass sie dazu fähig ist.
94:31
Nein, das ist natürlich wirklich ein wahnsinniges Highlight. Also erst dachte ich, Tonband hat man neulich erst bei uns im Hörspiel bei Robert Thomas. Auch Eifersuchtsgeschichte wird ein Tonband installiert. Okay, jetzt kommt das Tonband. Wird auch da, kleine Klammer, schön beschrieben, wie sie dann zum Nachbarn unten drunter gehen muss, dem jungen Schauspieler. Und der stimmt eigentlich auch nur zu, weil er denkt, der kriegt sie so ins Bett. Also auch wieder genau diese Frivolität schön beschrieben.
94:58
Dass sie es aufnimmt, ist ja noch das eine, auch wirklich schön Zeit genommen, dass sie dann Angst bekommen, wenn sie alles hört, erst mal ein bisschen Schockstacher hat, wenn man es im Tresor tut. Aber dass sie dann anfängt, daraus ein Hörspiel zusammenzuschneiden, ist einfach so toll. Man stellt sich vor einem Bandgerät und dann noch eigene Sachen, da hat sie noch Geräusche. Jetzt wird ein Hörspiel gemacht.
95:16
Fragt man sich so ein bisschen, woher hat sie das technische Wissen gehabt, weil so wie sie es beschreibt, hat sie es quasi gepromptet. Das war ja schon ein bisschen aufwendiger, aber ja, bis ins Detail durchdacht, weißt du auch, dass sie ja unten den Startknopf in der Wohnung, in der fremden Wohnung noch drücken muss und deswegen am Anfang genau Leerband gelassen hat, dass es erst später startet, wenn sie mit Christian da quasi schon sich eingerichtet hat im Wohnzimmer und alles durchgeredet hat. Ja, dann schön.
95:42
Ja, und dann eben natürlich auch, wenn sie es zusammen anhören, also wahnsinnig toll. Es kommt aus dem Radiopsprecher, das Radio ist aber nicht an. Dann tut sie so, als ob sie nichts hören würde. Und umgekehrt, wenn es fertig ist, sagt sie, jetzt hört sie gemurmelt. Das ist schon sehr perfide und sehr clever geschrieben. Und wie du sagst, ich finde es eigentlich auch eine Stärke, dass wir das eigentliche Hörspiel nicht hören. Hätte man jetzt ja auch noch machen können. Aber wir haben ja die ganze Spielszene, die echte Szene davor schon bekommen. Und eigentlich reicht mir dann schon die Beschreibung, was sie alles macht und wie er dann darauf reagiert. Das ist einfach unglaublich gut.
96:14
Das ist wahnsinnig gut geschrieben und wahnsinnig gut gespielt.
96:16
Ja.
96:17
Das ist so lebendig und trotzdem so leichtfertig und trotzdem kommentiert, der Herr kommt wirklich schön. Warum ist sie nicht tot? Das war doch schon Teil des Plans, oder? Dass Beatrice auch erschossen wird.
96:31
Ich finde, es gibt da so eine kleine Leerstelle, so wie ich.
96:36
Ich habe versucht, ihn erst mal noch in den Wahnsinn zu treiben mit diesem Hörspiel. Und ich gehe mal davon aus, dass sie Christian schon gesagt hat, dann trotzdem noch Eingeweihtheit, dass sie… Den Beweis der Kompetenz schafft.
96:54
Meinst du, das hat sie ihm vorher schon verraten?
96:57
Vor dem Mord. Aber warum hat er sie dann verschont?
97:00
Ja gut, sie hat es natürlich bombenfest angelegt, aber Christian ist doch so ein Zögerer.
97:08
Meinst du, sie hätte dann gerade ganz kalte Füße bekommen und alles abgeblasen?
97:13
Er kann ihm das nicht vorher gesagt.
97:14
Aber dann hat sie ein ziemlich riskantes Spiel gespielt, oder?
97:16
Außer, und damit wären wir doch wieder auch beim zweiten Schuss, sie hat diesen Revolver manipuliert. Also weil sie musste davon ausgehen, dass das Hauptopfer natürlich Canova sein musste. Das heißt, der erste Schuss galt ihm. Und wer Tonbänder so manipulieren kann wie sie, der kann auch Platzpatronen in den Revolver laden.
97:38
Ich weiß es nicht, es wird überhaupt nicht thematisiert. Oder wir sagen einfach, er hat dann doch so viel...
97:46
Menschlichkeit noch in sich gehabt, dass er sie nicht getötet hat.
97:49
Und das war voll Angst oder Aberglaube dann. Sie spricht ja auch so viel dann auf einmal von Tod und dass sie träumt, sie würde von Maden zerfressen und von Würmern.
97:57
Er hat es nicht geschafft. Der Mut reichte nur für einen Mord.
98:02
Das ist so. Das ist ja nun natürlich das Spannende. Das eine geht ja noch weiter nächste Woche, mit dem zweiten Teil. Ich würde noch mal kurz noch was zur Formvielfalt gerne sagen. Weil ich das eben, wir haben ja schon gesagt, wir hatten Briefe an Versicherungsgesellschaften, wir haben Tagebuch-Einträge, wir haben eine echte Spielszene, wie du richtig gesagt hast, die wir da gehört haben. Ganz viele Reaktionen eigentlich nur in Tagebuch-Einträgen wieder aufgeschrieben.
98:31
Ich habe mich das tatsächlich auch gefragt beim Hören. Ich finde das wahnsinnig geschickt gemacht. Du kannst immer noch Sachen anders erzählen, wenn du es indirekt erzählst in einem Tagebucheintrag. Kriegst du auch gerade die Emotionen, zum Beispiel von Beatrice, wie sie dann so einen Spaß daran entwickelt, dass Christian so leidet. Auch umgekehrt, wenn die Vera ihrem Mann schreibt vom kranken Kind, das ist ja Viel Trauer wird da dargestellt und geheuchelt. Ich finde es auch sehr schön gespielt, Lilian Westphal, oder?
98:59
Ja, ich wollte noch sagen. Und deiner Hintz ist Beatrice. Die werden vor allen Dingen den zweiten Teil bestreiten. Freut euch schon mal drauf. Entschuldige.
99:08
Wir haben den Professor am Anfang vor allem über diese Briefe gehört. Ich finde das wirklich wahnsinnig.
99:18
Auf eine Art wirkt es so einfach. Wir hatten doch eine Einführung gehört, ja, ich habe halt ein paar Dokumente gefunden, ich kann nicht gut schreiben. Ja, genau. Ich bin eigentlich ein schlechter Schreiber, aber ich kann Dokumente zusammenstellen, das kann ich gut. Aber ganz toll, wie dann halt eben Figuren auftauchen, unser Professor taucht auch in den Briefen an die Versicherungsgesellschaft, an Vera, dann wieder verschwinden.
99:40
Vera taucht in Briefen auf, verschwindet dann wieder. Dann taucht auf einmal die Sekretärin auf, die Alte, die sich umbringt. Dann Beatrice ganz viel. Finde ich wirklich total spannend und toll fürs Hörspiel, tolle Vorlagen für die Sprechenden. Und interessanterweise scheint es schon im Original so zu sein. Ich habe es nicht gelesen, aber... Was man so über dieses Buch findet, ist, dass er muss wirklich ausgewöhnlich viel mit ganz verschiedenen Stilmitteln gearbeitet haben, der Autor.
100:10
Ja, ich habe das Vorwort natürlich nicht ganz so wahrgenommen, aber man könnte natürlich auch zu dem Krieg der Welt einen Effekt damit beabsichtigt haben, dass die Leute glauben, es ist ein wahrer Fall, so wie er es aufbaut. Und dann eben, wir haben ja Tagebuch haben ja wirklich nur von...
100:29
Beatrice und der Rest des Korrespondents, wo man glauben kann, dass die in den Akten gelandet sind. Und diese Ausführlichkeit vom Datum bis zur Unterschrift trägt natürlich auch dazu bei.
100:43
Aber es ist, ja, ich finde einfach, die Erzählweise ist ja trotz allem, du hast zwar gesagt, es ist so ein bisschen tröge, klar, wenn die Versicherungsleitenden untereinander miteinander sprechen, aber trotzdem ist ja alles von den Figuren beseelt. Also es ist natürlich auch schön besetzt, aber auch, also du hast jetzt nicht das Gefühl, der ganzen Zeit nur Verschriftlichung zu lauschen, sondern es ist wahnsinnig lebendig und persönlich.
101:09
Total und selbst auch, selbst der Versicherungsangestellte am Anfang, gesprochen vom jungen Jodok-Seite, selbst der, wenn er seinen Bericht bekommt aus Montpellier, glaube ich, von dem Inspektor vor Ort, der geschaut hat, wie geht es unserem Professor gesundheitlich und so weiter, er schreibt so eine richtig, muss man sagen, pissige Antwort, wo er meinte, all diese Sprüche hätte ich nicht gehabt und lieber ein bisschen mehr, aber die Ehefrau und Und der Jodoxidl spricht das halt eben auch schön passiv-aggressiv.
101:42
Also selbst in diesem vermeintlich administrativen Schriftverkehr steckt doch völlig recht wirklich viel Seele und viel Mensch drin.
101:50
Hey Wolfram, ich freue mich auf den zweiten Teil. Also ich meine, wir haben ein Kapitalverbrechen.
101:55
Wir wissen, dass es kein Mord aus Leidenschaft war. Aber wir haben viel Geld. Wir haben eine tragische, dunkle Vergangenheit, wo schon andere Menschen in den Tod getrieben wurden oder ermordet wurden. Und jetzt haben wir aber diese freie, radikale Beatrice, diese Ex-Schauspielerin, die selber ihrem eigenen Tod so entgegengesehen hat. Wie wird sie sich verhalten?
102:21
Also was man versprechen kann, dass es an den Wendungen nicht mangeln wird. Also es nimmt sogar noch mal mehr Fahrt auf. Geht euch wirklich auf einen Ehrentritt freuen. Bis zum nächsten Mod.
102:36
Macht's gut.
102:48
Das war ein Podcast von SRF. Produziert im Auftrag der SRG.